Sonntag, 31. Januar 2010

Suzanne Brockmann: Joe - Liebe Top Secret

Prinz Tedric von Ustanzien - das ist ein europäischer Fantasie-Kleinstaat - befindet sich auf einem Staatsbesuch in den USA, als ein terroristischer Anschlag auf ihn verübt wird. Der Staatsbesuch ist sehr wichtig, denn Prinz Tedric möchte, daß die Amerikaner die Erschließung der in Ustanzien entdeckten Ölquellen finanzieren. Daher bricht er seinen Besuch nicht ab. Um den Prinzen zu schützen, läßt dieser sich in der Öffentlichkeit von einem Navy SEAL, Joe Catalanotto, vertreten. Joe sieht Prinz Tedric zum Verwechseln ähnlich, kennt sich aber mit den Gepflogenheiten der oberen 10.000 nicht so aus. Veronica St. John, die Schwägerin und PR-Beraterin des Prinzen, soll Joe innerhalb kürzester Zeit das Benehmen eines Aristokraten beibringen...

Der Originaltitel des Buchs ist "Prince Joe" und es ist 1996 in der Reihe Silhouette Intimate Moments als Teil der Tall, Dark and Dangerous-Serie von Suzanne Brockmann erschienen. Das damalige Cover kann man übrigens hier bewundern. Diese Series oder Category Romances zeichnen sich - ähnlich wie hierzulande die Cora-Romanhefte - dadurch aus, daß sie kürzer sind und den Autoren daher weniger Zeit für die Charakterisierung ihrer Romanfiguren bleibt. Das heißt aber nicht, daß diese Bücher alle schlecht sind. Ein guter Autor kann auch aus einem kurzen Buch was machen. Suzanne Brockmann gehört für mich zu den guten Autorinnen, auch wenn mindestens eins ihrer frühen Werke ziemlich grauenhaft ist.

Die Annahme, daß die Regierung eines europäischen Kleinstaats die Amerikaner um Hilfe bei der Erschließung von Ölquellen bitten würde, ist natürlich völliger Quatsch. Wenn, sagen wir mal, in Andorra Öl entdeckt würde, würden entweder a) die Europäer das Öl selbst fördern oder b) die Förderung des Öls verbieten, weil Feldhamster und/oder Kröten über den Ölquellen leben.

Davon abgesehen ist das Buch aber ganz unterhaltsam. Nur die Übersetzung ist leider nicht the yellow of the egg, und die Heldin Veronica hat einige TSTL-Anwandlungen.

Die Prosa ist mitunter seltsam antiquiert - beispielsweise möchte Joe ganz zu Anfang ihrer Bekanntschaft andeuten, Veronica sei nicht ganz so stocksteif, wie sie immer tut. Das drückt er aus, in dem er mutmaßt, sie würde nachts aus ihrem Margaret Thatcher-Kostüm steigen und mit ihrem Gigolo Mambo tanzen gehen. Und das Buch ist aus den 90ern! Wäre sie da nicht eher in ihren Bikini aus Kunstrasen geschlüpft und wäre zu einer Technoparty gegangen? (Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es in Amerika Technoparties mit Kunstrasenbikiniträgerinnen gab).

Manchmal gibt es auch Ausdrücke, die einfach nur seltsam sind: als Veronica z. B. ein sexy Kleid trägt, denkt sich Joe: "Verdammte Axt!"

Gelegentlich ist die Übersetzung schlichtweg mißlungen, so daß einzelne Sätze überhaupt keinen Sinn ergeben, wie etwa dieser:

"Während sie ihn betrachtete, stellte er das Glas auf den Tisch neben dem Sofa und ging dann zum Fenster. Er zog die Vorhänge zu. "Ich habe mein Bullauge für heute lang genug mit mir herumgetragen."

Ich nehme an, im Original stand an der Stelle "bull's eye" - was natürlich Bullauge heißt, wenn man über ein Schiff spricht. In diesem Zusammenhang heißt es aber eher, daß Joe für den Tag seinen Dienst als wandelnde Zielscheibe beendet. Ich will ja nicht übermäßig viel klugscheißen, aber solche Dinge können mir den Spaß an einem Buch schon ein wenig vermiesen.

Mit Veronica habe ich auch ein klitzekleines Problem gehabt. So ist sie beleidigt, als Joe bei einer Party nicht mit ihr tanzen will, obwohl man während dieser Veranstaltung mit einem Angriff der Terroristen rechnet und jeder in Gefahr ist, der sich in Joes Nähe aufhält. Und als es dann tatsächlich einen Anschlag gibt und Joe das tut, was Navy SEALs wohl bei solchen Gelegenheiten zu tun pflegen, besteht sie darauf, ihn übers Funkgerät vollzuquatschen.

Joe revanchiert sich später, indem er Veronica unterstellt, ein Snob zu sein - nun ja, ein klärendes Gespräch zwischen den beiden hätte an dieser Stelle Wunder gewirkt, aber dann wäre das Buch wohl allzu kurz geworden.

Alles in allem ist Prince Joe bzw. Liebe Top Secret ein spannendes, unterhaltsames Buch, das man in einem Rutsch durchlesen kann. Der Held ist sympathisch und die Heldin ist - bis auf ein paar kleine Aussetzer - ganz okay. Aber ein unvergeßliches Buch, das ich immer wieder lesen möchte, ist es für mich nicht.

Kommentare:

  1. "Verdammte Axt" find ich super, das merk ich mir. *lol* Ansonsten klingt das Buch, als sollte ich tunlichst die FInger davon lassen – es sei denn, ich will mal wieder nen Verriss schreiben! ;)

    Nach wie vor kann ich nicht verstehen, wie solche groben Übersetzungsschnitzer passieren und sowohl Übersetzer als auch Lektor entgehen können. (Wahrscheinlich leistet man sich heutzutage keinen Lektor mehr, weil es nicht nötig ist. *murr*)

    AntwortenLöschen
  2. Kann es sein, dass diese Geschichte (vielleicht sogar in gekürzter Form) mal bei Cora erschienen ist?

    Okay, ich bin gerade zu Amazon geflitzt. Da es ein Mira-Titel ist, ist die Wahrscheinlichkeit wirklich sehr groß. Dann habe ich die sogar mal irgendwann gelesen und für nicht weiter erinnerungswürdig befunden (aber an das Thatcher-Kostüm erinnere ich mich ;) ).

    AntwortenLöschen
  3. Irina - im Zweifelsfall würde ich auf jeden Fall zum Original raten!

    Winterkatze - lieber ein Thatcher-Kostüm als eine Thatcher-Frisur ;-)

    AntwortenLöschen
  4. Winterkatze, ich glaub nicht, dass das Buch zuvor bei Cora erschienen ist, finde jedenfalls keinerlei Hinweise darauf. Zudem wird es als deutsche Erstveröffentlichung in der DNB geführt.

    Vielleicht waren Thatcher-Kostüme in den 80er-Jahren in! *g*

    AntwortenLöschen
  5. Hi!
    Ich hatte ja achon auch Angst, dass Cora eine gruselige Übersetzung abliefern könnte. Bullauge ... aua.

    Wer Englisch kann sollte in jedem Fall die Serie im Original lesen, es gibt bei der Serie zwar hin und wieder inhaltliche Augenrollmomente, aber ich mochte die Serie dennoch sehr. Harlequin verbietet ja jede Art des Fluchens in ihren Büchern, was ich megaalbern finde, vielleicht fand die Coraübersetzerin keinen passenden Ausdruck .. ich bin jetzt kurz davor im Original zu blättern was er denn wirklich gesagt hat :)

    @Winterkatze, ich hatte mal aufgelistet welche Teile bereits von Cora schonmal übersetzt wurden
    http://lesenswert-empfehlenswert.blogspot.com/2009/09/tall-dark-and-dangerous-operation.html

    AntwortenLöschen