Samstag, 11. Juni 2011

Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht?

Mein Vater hat die Hörzu (eine Fernsehzeitschrift) abonniert, und ich blättere die immer mal ganz gerne durch, wenn ich bei ihm bin. Unter anderem gibt es jede Woche eine Seite mit Leserbriefen, die manchmal von der Hörzu-Redaktion beantwortet werden. Tja, und was ich da in der letzten Woche gelesen habe, das hat mir so sehr die Schuhe ausgezogen, daß die schon bei mir vor der Wohnung standen während ich noch 10 Kilometer entfernt bei meinem Vater auf der Couch saß. Da ich nun einerseits eine Schwäche für öffentlich zelebrierten Schwachsinn habe, andererseits jedoch die Hörzu-Leserbriefe nicht im Internet verfügbar sind, zitiere ich einfach mal.

Leserin Anna Lena P. schreibt (in Bezug auf einen Artikel der vorherigen Woche):
"Einleuchtend, dass man Interesse am Gegenüber zeigen soll. Aber was, wenn mir andere diese Aufmerksamkeit schuldig bleiben? Immer wieder passiert es mir, dass ich in einem Kaufhaus von den Verkäufern konsequent übersehen werde. Wie mache ich auf mich aufmerksam, ohne gleich lautstark zu schimpfen?"

Tja, hätte man mir diese Frage gestellt, so hätte meine Antwort wohl wie folgt gelautet:
"Liebe Frau P., es wird alles auf den Kopf stellen, was Sie bisher über den Einzelhandel wußten, aber der Kunde ist gleichsam die Daseinsberechtigung des Verkäufers. Kaum zu glauben, aber wahr: Verkäufer bekommen sogar Geld, um Kunden behilflich zu sein und ihre Fragen zu beantworten! So ist die Lösung Ihres Problems ganz einfach, und Sie können es im nächsten Jahr vermeiden, noch im Februar bei Karstadt in der ersten Etage zu stehen und sich zu fragen, wo die Christbaumkugeln sind. Bei Ihrem nächsten Einkauf gehen Sie einfach geradewegs auf den Verkäufer zu und sagen (je nach Anlaß): 'Entschuldigung, wo sind die Kundentoiletten?' / 'Haben Sie diese Schuhe auch in Größe 38?' / 'Hände hoch, dies ist ein Überfall'. Ihr spektakulärer Erfolg mit dieser Methode wird sie überraschen."

Aber ich muß wohl ein besonders einfach gestrickter Mensch sein. Kein Wunder, daß ich es nicht geschafft habe, Managementtrainerin zu werden. Es geht nämlich auch viel raffinierter, wie die Antwort der Hörzu-Redakteurin Angela Meyer-Barg beweist:

"Managementtrainerin Barbara Berckhan empfiehlt in ihrem Buch 'Leicht und locker kommunizieren' ein paar kleine Tricks: 1. Simulieren Sie einen schlimmen Hustenanfall. 2. Kommen Sie dem Verkäufer immer näher. Wenn er sie anschaut, gehen Sie ein wenig zurück und sagen freundlich: 'Guten Tag.' 3. Tun Sie so, als würden Sie am Handy einen Anruf entgegennehmen. Sagen Sie: 'Ja, ich höre das Baby schreien. Ich werde hier sicher gleich bedient und komme dann sofort nach Hause.'"

Bedient ist ein gutes Stichwort. Ich bin von soviel...äh...kommunikativer Kompetenz auch ganz bedient.

Kommentare:

  1. Ich bin noch am Überlegen, ob die von Dir zitierte Antwort der Redakteurin/der Managementtrainerin ernst gemeint ist...
    *schaut zu ihren Schuhen, die sich gerade selbständig gemacht haben und auf der Suche nach Susis Wohnung sind*

    Und jetzt denke ich darüber nach, ob sich die Fragstellerin vera* ... ähm auf den Arm genommen fühlt.

    ps:
    Falls Du meine Schuhe sichtest, schicke sie bitte zu mir zurück.

    pps
    Die aktuelle Wortbestätigung lautet insdne .. freudsche Fehllesung meinerseits: insane ;)

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  2. Grandios! *rofl*

    Den Link muss ich sofort meinem Mann weiterleiten, der vor nicht allzu langer Zeit noch in einem Kaufhaus angestellt war und dort Multimedia unter die Leute gebracht hat. Vielleicht kann er noch ein paar hilfreiche Tipps beisteuern – und mir dann helfen, meine Schuhe wiederzufinden, die mir gerade auch auf wundersame Weise abhanden gekommen sind … ;)

    Natira, denkst du ensthaft, dass sich die Fragestellerin verarscht gefühlt hat? Ich glaub, wer sich mit einer solch unfassbar dummen Frage an eine Fernsehzeitschrift wendet, der ist sicher restlos dankbar für solch schlaue Strategien.

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  3. @Irina
    Jetzt wo Du es sagst, kann ich Dir nur zustimmen *lach*
    *sieht gerade reihenweise Kundinnen in einem Bäcker vor Ort mit heftigen Hustenanfällen zusammenbrechen*

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  4. Mir hat es schon bei der Frage die Schuhe ausgezogen, wenngleich sie noch neben mir blieben. Die Antwort finde ich selten dusslig.
    Stellt Euch mal Punkt 3 vor: Simulieren sie das schreiende Baby und - das Handy klingelt. *g*
    Das sind übrigens diese Frauenantworten, die es leider heutzutage immer noch zuhauf gibt. Frauen gehen nämlich nicht gezielt auf andere Leute zu, schon gar nicht, wenn es Männer sind. *hust* Hat sich halt noch nicht überall rumgesprochen, in welchem Jahrhundert wir leben.
    Falls es Dir mal nicht nur die Schuhe ausziehen soll, dann lies mal einen der sog. Eheratgeber, mit denen ich mich im Studium rumschlagen muste.

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  5. Ich hatte beim Lesen keine Schuhe an, die es mir hätte ausziehen können. Aber vor lauter Kopfschütteln bekomme ich noch ein Schleudertrauma ... ;)

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  6. *sammelt alle Schuhe ein und schickt sie an ihre Besitzerinnen zurück*

    *reicht Winterkatze vorsichtshalber eine Halskrause rüber*

    Irina - hatte dein Mann denn noch ein paar heiße Tips?

    Soleil - aber wenn man dann schon so einen Ratgeber schreibt, wäre es doch sicherlich sinnvoller, auch Frauen dazu aufzufordern, geradeaus und mit deutlich formulierten Sätzen bzw. Fragen auf ihren Gesprächspartner zuzugehen, oder?

    Natira - die Idee mit dem kollektiven Hustenanfall in der Bäckerei gefällt mir. Man müßte das mal ausprobieren. Wie lange es wohl dauert, bis jemand das Gesundheitsamt anruft, die Bäckerei geschlossen wird und die Bildzeitung eine Schlagzeile über einen neuen Ausbruch von SARS / Vogelgrippe o. ä. bringt?

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  7. *findet ihre Schuhe hübsch verpackt wieder* Danke Susi!

    Wir sollten uns mal treffen und das austesten. Sämtliche Folgen können wir ja problemlos der Managementtrainerin und der Hörzu aufbürden, schließlich haben wir uns den dortigen Rat ja nur zu Herzen genommen...

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  8. Mein Mann hat sich auf die stille Treppe verzogen und ist in sich gegangen. Ihm ist klar geworden, mit welch subtilen Methoden in den letzten Jahren so versucht wurde, seine Aufmerksamkeit zu erregen, während er versucht hat, das seltsame Gebahren taktvoll zu übersehen! *g*

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