Sonntag, 20. Dezember 2009

Michelle Beattie: What A Pirate Desires - Teil 6: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich

Dieser Teil der Geschichte hätte beinah ein Happy End gehabt, aber eben nur beinah. Tröstlich ist, daß ich schon mehr als zwei Drittel dieses literarischen Super-GAUs hinter mich gebracht habe. Und ich habe eine neue, tolle Idee um weitere Auflagen des Buchs zu vermarkten: Es sollte zusammen mit einer Flasche Jack Daniels (oder, je nach Verkaufsregion, Tequila, Strohrum oder Wodka) verkauft werden. Auf der Flasche müßte Werbung für das Buch sein, und in das Buch könnten Anzeigeseiten für das Getränk eingefügt werden. Auf diese Weise kann der Leser sich das Buch schöntrinken und hat ein angenehmes Leseerlebnis. (Alternativ käme UHU-Kleber in Frage. Ich schrecke vor einem Selbstversuch zurück, neige aber zu der Ansicht, daß man vom Klebstoffschnüffeln benebelt genug werden kann, um selbst das mieseste Piratenbuch mit einem gewissen Wohlwollen zu betrachten).

Ich allerdings bin stocknüchtern und bereue dies jedesmal, wenn ich mich in die Abenteuer von Samantha und Luke vertiefe.

Nach der heißen Nacht mit Samantha schleicht unser Held Luke sich vorsichtig durch Jacquelines Haus zum Eßzimmer, denn da er von der Polizei gesucht wird, möchte er von den Dienstboten nicht gesehen werden. Offenbar vermutet er, daß Jacqueline nur gehörlose geistig Schwerstbehinderte beschäftigt, denn die Tatsache, daß Samantha und er noch Stunden zuvor während ihres Liebesspiels ohrenbetäubend laut gestöhnt und die Decken in den eigens für sie hergerichteten Gästezimmern zerwühlt haben, scheint ihm keine Sorgen zu bereiten. Auf dem Weg zum Eßzimmer nimmt Luke sich die Zeit, Jacquelines Einrichtungsgegenstände zu bewundern: "Bold oil paintings hung on the walls, a strange combination of color and shapes that Luke knew nothing about."

Klare Sache: Rembrandt hatte da wohl gerade eine kubistische Phase, von der bis heute außer Michelle Beattie und Luke niemand was mitgekriegt hat.

Wenig später hat sich Luke gestärkt, Samantha das Frühstück ans Bett gebracht und mit ihr noch 'ne schnelle Nummer geschoben. Nun macht sich Samantha auf die Socken, um auf ihrem Schiff nach dem Rechten zu sehen. Im Hafen trifft sie Joe, der ihr sagt, daß Dervish noch nicht aufgetaucht ist. Kurz schießt ihr der Gedanke durch den Kopf, daß der Bösewicht vielleicht in Barbados gewesen und verschwunden ist, ohne daß sie und ihre Kameraden es gemerkt haben, doch das ist völlig ausgeschlossen, denn anderenfalls würde - so meinen Joe und Samantha - die Insel bereits in Schutt und Asche liegen.

Samantha vertraut ihrem väterlichen Freund an, daß sie bei Lukes Schwester untergekommen ist und sagt ihm, daß der Schiffjunge Aidan ebenfalls dort einziehen soll, damit ihm im bevorstehenden Kampf mit Dervish nichts passieren kann. Jacqueline weiß übrigens noch nichts von ihrem Glück, aber scheinbar ist ihr Haus eine Art inoffizieller Schlafplatz für Piraten auf der Durchreise.

Joe mutmaßt, daß Dervish vor allem deswegen nicht aufgetaucht ist, weil Luke in Bezug auf seinen Aufenthaltsort gelogen hat, aber Samantha ist empört: Luke würde sie nie, niemals anlügen!

Samantha geht zurück zu Jacquelines Haus, wo sie von ihrer Gastgeberin abgefangen wird, die ein ernsthaftes Wörtchen mit ihr zu reden hat. Jacqueline ist nämlich nach etwa 24 Stunden der Bekanntschaft mit unserer Heldin zu dem Schluß gekommen, daß diese die Frau fürs Leben für Luke ist, und daß sie ihn dazu bringen kann, hinfort auf dem Pfad der Tugend zu wandeln. Deswegen vertraut sie Samantha auch an, welch grauses Schicksal Luke zu dem gemacht hat, was er ist: er wurde von seinem Stiefvater schlecht behandelt.

Eine Runde Mitleid für den armen Luke!

Ich bin aber schon froh, daß nicht alle Menschen zu Verbrechern werden, die Zoff mit ihren Eltern oder Stiefeltern haben.

Am gleichen Abend schmeißt sich Luke in Schale für ein schickes Candlelight-Dinner mit Samantha. Dazu leiht er sich einen beigen Anzug von Jacquelines Mann, doch sein Urteil beim Anblick seines Spiegelbilds ist vernichtend: "Ich sehe lächerlich aus", sagt er. Tja, ein bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Hemd, ein Doppelzentner Goldkettchen und eine goldene Bauchbinde sind ja auch viel cooler. Und wenn es im 17. Jahrhundert tiefergelegte Galeonen mit Alufelgen, getönten Scheiben und Rennfahrer-Sicherheitsgurten gegeben hätte, dann hätte Luke sicherlich eine besessen.

Jacqueline läßt ihn wissen, daß er im Begriff ist, sich in Samantha zu verlieben, und unser armer Luke kann sich gerade noch an einer Kommode festhalten, um nicht vor lauter Schreck bewußtlos zu Boden zu fallen. Natürlich streitet er alles ab, aber seine Schwester weiß es besser, denn sie hat an ihm die untrüglichen Anzeichen eines bis über beide Ohren verliebten Mannes erkannt: er hat sich gewaschen! Er hat sich rasiert! Oh mein Gott, wenn er jetzt noch saubere Unterwäsche anzieht, können sie gleich das Aufgebot bestellen!

Nachdem Samantha und Luke gespeist haben, möchte sich Samantha mit ihm zwecks Austausch von Körperflüssigkeiten in die privaten Gemächer zurückziehen, aber Luke hat sich vorgenommen, ihr erst zu gestehen, daß er sie wegen Dervish angelogen hat. Nun werden sie jedoch von Joe unterbrochen, der vorbeigekommen ist um Samantha zu sagen, daß er im Hafen Gerüchte darüber gehört hat, daß der gefürchtete Pirat Sam Steele (das ist ihr Künstlername) in Wirklichkeit eine Frau ist. Dies war bisher ein Geheimnis und Joe ist sicher, daß Luke es verraten hat.

Joe rast vor Zorn, nimmt sich aber immerhin Zeit für einen Zaubertrick: er schlägt mit der Faust so kräftig auf den Tisch, daß Lukes Glas quer durch den ganzen Raum fliegt und an der Tapete der gegenüberliegenden Wand zerschellt. Während ich noch überlege, wie er das seiner Haftpflichtversicherung erklärt, geht Joe mit Schaum vorm Mund auf Luke los und wirft einen Kerzenständer nach ihm, der ebenfalls eine Delle in der Wand hinterläßt. Samantha schnappt sich einen Stuhl und versucht, die beiden Männer zur Vernunft zu bringen - man kennt das von Raubtierdressuren. In dem Moment stürzt Jacqueline in dem Raum, gerade noch rechtzeitig, bevor das asoziale Piratenpack den Rest ihrer Möbel zerstören kann.

Noch in derselben Nacht machen sich Samantha und Luke nach einem tränenreichen Abschied von Jacqueline aus dem Staub. Auf dem Schiff angekommen, gesteht Luke endlich, daß er die ganze Zeit wußte, daß Dervish überhaupt nicht auf Barbados auftauchen würde. Samantha und Joe sind knatschig, aber Luke argumentiert, daß er nicht nur gelogen hat, um bei seiner Schwester seinen Schatz abholen zu können. Nö, er hat sich überlegt, daß Samantha eine bessere Chance im Kampf gegen Dervish hat, wenn sie etwas später auf Santa Placidia ankommt. Netten Kerl, dieser Luke. So rücksichtsvoll.

Samanthas Begeisterung über Lukes Lüge hält sich trotz dieser herzerwärmenden Begründung in Grenzen, und sie bedroht ihn mit einer Pistole, während Joe ihm ein Schwert unter die Nase hält.

In mir keimt die Hoffnung, daß Luke jetzt durchlöchert, geschnetzelt oder wenigstens über Bord geworfen wird, aber wie ich eingangs schon erwähnte, gibt es an dieser Stelle nur beinah ein Happy End. Seit dem Kapitel mit dem Überfall auf das Handelsschiff wissen wir ja, wie nutzlos Samantha ist, wenn sie mit einer Pistole bewaffnet ist. Luke muß sie nur daran erinnern, daß sie ihn liebt und daß er eine enorme Hilfe im Kampf gegen Dervish sein wird, schon darf er bleiben.

Werde ich das Lesen der nächsten Kapitel wiederum überstehen, ohne mich dem Suff zu ergeben? Wird Luke seine Nützlichkeit im Kampf gegen Dervish unter Beweis stellen, indem er sich mit einer Kanone auf dessen Schiff schießen läßt? Und ist es wirklich immer Liebe, wenn sich ein Mann vor einem Date mit einer Frau wäscht?

All dies und mehr werden wir sicherlich erfahren, wenn es wieder heißt: Piraten am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Kommentare:

  1. Mit diesem Beitrag hast du mir einen außergewöhnlich guten Start in die neue Woche beschert – danke!!! *lach*

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  2. Weißt du was? Ich habe gestern gemerkt, daß Samantha und Lukes Nachfolger schon in den Startlöchern stehen...ich will's mal so sagen: wenn man vom Augenrollen einen Muskelkater bekommen könnte, dann hätte ich jetzt einen.

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